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Diadumenos



Diadumenos


Inventar Nr.: Sk 27
Bezeichnung: Diadumenos
Künstler / Hersteller: Polyklet, Kopie nach
Datierung:
Datierung:120 - 130 n. Chr.
Griechisches Vorbild:um 420 BC
Objektgruppe: Skulptur
Geogr. Bezüge: Imperium Romanum
Material / Technik: Weißgrauer, fein- bis mittelkristalliner Marmor
Maße: an Schläfen 14 cm (Breite)
Tänie (Stirnbereich) 3,2 cm (Breite)
29 cm (Höhe)
Provenienz:1815 aus Paris Musée Napoléon als Ersatz für einen 1807 verschleppten, nicht mehr aufgefundenen ›Musenkopf‹


Katalogtext:
Der Kopf des jungen Mannes wendet und neigt sich zur rechten Seite und ist vorgebeugt. Die Gesichtsform wird bestimmt von einem ovalen, sich vorwölbenden Antlitz mit relativ schmal geöffneten Augen und breiten vorkragenden Oberlidern unter gratig gezogenen Brauen, kräftiger Nase, vollen Lippen und starkem Kinn. Die Mundspalte ist kaum merklich geöffnet, die Lippenränder sind geritzt. Eine breite Tänie mit eingeritzten Randlinien liegt straff am Kopf an, bedeckt die obere Stirnpartie, verläuft dicht über den Ohren zum Hinterkopf und ist dort verknotet. Von dem Knoten führen die dicken und breiten Enden der Tänie horizontal zu den Seiten. Sie wurden von beiden Händen gefasst und straff gezogen. Die Binde teilt die Frisur in Kalottenhaar und in Schläfen- und Nackenhaar. Über der festgezogenen Binde quillt das Kalottenhaar ringsum kappenartig hervor. Sichelförmige Locken gehen von einem eingetieften zentralen Wirbel (›Spinne‹) aus; sie liegen mehrschichtig, bisweilen zangen- sowie gabelförmig bewegt und einander überlagernd auf dem insgesamt abgeflachten und die Breite betonenden Oberkopf. Unterhalb der Binde werden feine Lockenspitzen an den Schläfen sichtbar. Fülligere kurze Locken mit ausgebohrten Spiralenden reichen bis auf die Wangen und bilden voluminöse Lockenbüschel im Bereich der Ohren. Unterhalb des Knotens bedecken zwei Reihen kurzer flacher Sichellocken den Nackenansatz, die kürzere obere mit Mittelgabel. Über dem Knoten enden größere Sichellocken des Kalottenhaares sich gabelförmig spreizend, seitlich stauen sich kurze einfach gereihte Sichellocken über der Tänie.

Nach Ausweis der Wiederholungen des Figurentypus Diadoumenos von Polykleitos fasst der leicht überlebensgroße nackte junge Mann im innehaltenden Stand mit den Händen die langen Enden seiner Tänie, die er am Hinterkopf bereits einmal verknotet hat. Die linke Hand reicht höher und näher an den Nackenknoten als die rechte mehr vorgestreckte Hand in Schulterhöhe. Der ›Sich den Kopfschmuck Bindende‹ gilt als ein Werk um 420 v. Chr., das durch stärkere Ponderation mit differenzierterer Bein-Fußstellung, durch verstärkte Körperbewegung, raumgreifendere Gestalt mit komplementär aktiver Armhaltung und situationsbezogenerer Handlung den chiastischen Kontrapost des Doryphoros (s. Sk 4, Sk 83) steigert und an das Ende des polykletischen Œuvres zu datieren ist. Auch in der bewegteren Haltung des Kopfes sowie in der freizügigeren Haaranlage wie in dem motivisch befindlicheren Gesichtsausdruck können neue zukunftsweisende Elemente gesehen werden (Kreikenbom 1990; Bol 1990; Berger 1992).

Unser Kopf gibt sich in seinen zeittypischen Kopisteneigenheiten als hadrianische Kopie zu erkennen. Harte scharfkantige Formbegrenzungen der Augen (›metallische‹ Lider), der Nase und der Tänie wechseln mit weicher modellierten Formen der Haare, Wangen und Lippen ab und sind überwiegend durch Meißelarbeit hergestellt; stärker reliefierte Partien wie die Wangenlocken sind in Bohrarbeit ausgeführt. Im Vergleich der Kopfrepliken hat seine kompakte Modellierung der Frisur die Tendenz zu vereinfachender Zusammenfassung. »Insgesamt aber sind nahezu alle Haarmotive wiederholt, am Nacken jedoch schematisiert« (Kreikenbom 1990, 562). Wegen des reduzierten Erhaltungszustandes und der neuzeitlichen Reinigung sind manche Einzelformen nicht zweifelsfrei der römischen Kopie oder dem kopierten Original zuzuschreiben. Zudem weisen die Kopfrepliken beträchtliche Abweichungen in der Gesamtform wie in den Details auf, so dass die Beurteilungen über die Kopien als verlässliche Wiedergaben des Originals schwanken (Zanker 1974; Kreikenbom 1990; Berger 1992; Schröder 2004).

Als Deutungen der in zahlreichen, qualitätvollen und nahezu vollständigen Wiederholungen überlieferten Figur werden in der zeitgenössischen Forschung Apollon oder Paris bevorzugt. Die ältere Benennung als ›Siegerstatue eines unbekannten Athleten‹ steht in Widerspruch zur Sitte, die Sieger bei den großen Agonen mit Kränzen auszuzeichnen. Die lange Tänie ist vor allem als schmückende Auszeichnung bei Festen und kultischen Feiern angelegt worden und kann auch als persönliche Gabe Bewunderung und Zuneigung bekunden. Die den Marmorkopien beigegebenen Attribute an den Baumstammstützen (Köcher, Gewand, athletisches Gerät) gestatten anscheinend keine definitive Benennung in Zusammenhang mit der Altersstufe, Haartracht und motivischen Situation der Figur. Die komplexe und klassisch-harmonische Komposition des Figurentypus hat schon in der Antike nicht nur zu getreu imitierenden Wiederholungen sondern auch zu Umbildungen und Neuschöpfungen angeregt (Sk 11).

(Gercke 2007)


Literatur:
  • Bieber, Margarete: Die antiken Skulpturen und Bronzen des Königlichen Museum Fridericianum in Cassel. Marburg 1915, Kat.Nr. 6.
  • Gercke, Peter; Zimmermann-Elseify, Nina: Antike Skulpturen und Neuzeitliche Nachbildungen in Kassel. Bestandskatalog. Mainz 2007, Kat.Nr. 9, S. 65-67.


Letzte Aktualisierung: 08.04.2019


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