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Ephebe Typ Westmacott



Ephebe Typ Westmacott


Inventar Nr.: Sk 87
Bezeichnung: Ephebe Typ Westmacott
Künstler / Hersteller: Polyklet, Kopie nach
Datierung:
Datierung:140 - 160 n. Chr.
Griechisches Vorbild:430 BC - 410 BC
weitere Datierung:antoninisch
weitere Datierung:Ende 2. Jh. n. Chr.
Objektgruppe: Skulptur
Geogr. Bezüge: Imperium Romanum
Material / Technik: Weißer, feinkristalliner Marmor
Maße: insgesamt 20,5 cm (Höhe)
Kopf 14 cm (Höhe)
Provenienz:Erworben 1777 durch Landgraf Friedrich II. in Rom bei Gavin Hamilton


Katalogtext:
Der vorgebeugte Knabenkopf ist zur rechten Seite gewendet und geneigt. Er trägt eine dichte, kurzlockige Frisur. Das ovale Gesicht mit niedriger Stirn, bedeckten Schläfen und schmalen Augen runden füllige Wangen und eine weiche Kinnpartie ab. Die Ohrmuscheln sind frei, aber weitgehend von Haaren umschlossen. Das flach anliegende Haar geht von einem Spinnenmotiv auf dem Oberkopf aus, das aus der Mitte nach rechts verschoben ist. Die in Schichtenfolge gelegten, teils sich überlagernden Sichellocken werden zum Frisurrand hin kürzer. Etwas aus der Mitte nach rechts verschoben bilden sie ein gestaffeltes, bis auf die Stirn reichendes Zangenmotiv, am Rand begleitet von kurzen gereihten Sichellocken bis zu den Schläfen. Etwas voluminösere und differenzierter bewegte Locken umgeben den Bereich der Ohren. Die nicht ausgearbeiteten oder reduzierten Ohrmuschelränder mit darauf liegenden Locken sind in Verbindung mit der schwachen horizontalen Einschnürung in der Hinterhauptfrisur zu betrachten. Diese minimale Einziehung unter dem nach rechts verschobenen Zangenmotiv auf dem Hinterkopf lässt auf einen zu ergänzenden Kranz schließen, der auch dicht über den Ohren anlag. Soweit die Reinigung und Überarbeitung des 18. Jhs. den antiken Befund noch erkennen lassen, ist die Kopie im 2. Jh. n. Chr. entstanden (Lauter 1966). Sie gibt den Figurentypus Ephebe Westmacott (zuletzt Linfert 1993) wieder und gleicht den Kopfrepliken in der asymmetrischen Anlage der Frisur und des Gesichtes, die der Kopfhaltung der Figur Rechnung trägt. In der Wiedergabe der Frisur sind die charakteristischen Haarmotive wiederholt, aber in der Ausführung schematisiert. Die Schichtungen und Überlagerungen sind zu schlichteren Reihen und weniger dynamischen Einzelmotiven vereinfacht, wie die gleichförmige Folge von Sichellocken auf der Stirn zu den Schläfen und die beruhigten Locken auf der hauptansichtigen l. Kopfseite zeigen. »Der polykletische Charakter des Kopfes wird durch die Vereinfachungen verstärkt« (Linfert 1990, Kat. 116). Die rundum bestoßene Oberfläche und die putzende Reinigung des 18. Jhs. verstärken den Eindruck der flachen Modellierung und reduzierten Plastizität der Frisur. Ob dieser Kopf im Bereich der rechten Schläfe ehemals einen Puntello hatte, ist wegen des schlechten Erhaltungszustandes bzw. vermutlicher Überarbeitung dieser Lockenpartie nicht mehr zu erkennen.

Der Typus (H 1,48 m) ist in zahlreichen römischen Wiederholungen nahezu vollständig erhalten. Sein neues Stand- und Bewegungsmotiv haben griechische und römische Statuen übernommen und zu variierenden Nachbildungen wie inhaltlichen Neuschöpfungen verarbeitet (Zanker 1974, Linfert 1990, Maderna-Lauter 1992). Für das fehlende Attribut in der erhobenen rechten Hand werden vorgeschlagen: Kranz für einen Sieger, Schaber (Strigilis) für einen Palästriten, herabhängendes Spielgerät (Astragal) für einen Knöchelspieler, Binde für einen sich schmückenden Kultteilnehmer, Aufhänger einer Waage für einen Wägenden (Agon). Da die Mehrzahl der Kopfrepliken die Einschnürung am Hinterkopf und die seitliche Einziehung mit den bossierten Haaren auf den Ohren überliefern sowie häufig Indizien für eine vorstehende Locke oder einen Puntello über der rechten Schläfe vorliegen, erscheint die Rekonstruktion am wahrscheinlichsten, dass der Knabe die rechte Hand dicht vor die Schläfe hielt, um sich einen Kranz (aus Metall?) aufzusetzen oder ihn abzunehmen.

Über die Frage der Rekonstruktion hinaus sind Benennung, Datierung und Künstlerzuschreibung des Typus Ephebe Westmacott noch ungelöst. In dieser annähernd spiegelbildlichen Wiederholung des Epheben Dresden (s. Sk 12) wäre der geringfügig kleinere und jüngere Ephebe Westmacott ebenfalls als Idealskulptur eines sich schmückenden Palästriten mit Bezug auf ephebische Agone zu deuten. Für beide Ephebenstatuen, unstrittig in der Tradition polykletischer Haltung und Ponderation stehend, sind Argumente vorzubringen, die sowohl eine Datierung zwischen Doryphoros (450–440 v. Chr.) und Diadoumenos (420–410 v. Chr.) und damit eine mögliche Einreihung in das Œuvre von Polykleitos wahrscheinlich machen (zuletzt Berger 1992) als auch für eine Zuweisung an einen zeitgenössischen innovativen Schüler zu Lebzeiten des Lehrers Polykleitos (Linfert 1993). Die in der antiken Kunstliteratur genannten Schüler und ihre Werke (›Polykletschule‹) sind nur ansatzweise identifizierbar, bekunden aber grundsätzlich das immense Fortwirken polykletischer Kunsttheorie und Kunstwerke (Arnold 1969; Linfert 1990; Bol 2004). In beiden Ephebenstatuen werden vor- und unkanonische Motive (zur Spielbeinseite gewendeter Kopf, Heben eines Armes) konstatiert, die der Polykletschule bzw. Polykletnachfolge neue künstlerische Freiheiten eröffnen und in der griechischen wie römischen Skulptur maßgeblich fortwirken. Der Einfluss auf die römische Kunst ist auch der Gruppe von San Ildefonso abzulesen, deren Figuren in verschlüsselter und ausgeklügelter Weise die Ephebenstatuen Westmacott und Dresden zitieren.

(Gercke 2007)


Literatur:
  • Bieber, Margarete: Die antiken Skulpturen und Bronzen des Königlichen Museum Fridericianum in Cassel. Marburg 1915, Kat.Nr. 8.
  • Gercke, Peter; Zimmermann-Elseify, Nina: Antike Skulpturen und Neuzeitliche Nachbildungen in Kassel. Bestandskatalog. Mainz 2007, Kat.Nr. 12, S. 75-77.


Letzte Aktualisierung: 17.04.2020


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