Humpen der Elisabeth Herzogin von Mecklenburg "Sprüngli-Humpen"



Humpen der Elisabeth Herzogin von Mecklenburg "Sprüngli-Humpen"


Inventar Nr.: KP B II.236
Bezeichnung: Humpen der Elisabeth Herzogin von Mecklenburg "Sprüngli-Humpen"
Künstler / Hersteller: Hans Jacob Sprüngli (um 1559 - 1637), Maler/in
Datierung: um 1618-25
Objektgruppe: Gefäß
Geogr. Bezug: Zürich
Material / Technik: Silber, gegossen, getrieben, graviert, punziert, vergoldet; Glas, hintermalt, ameliert; aufgeklebte Zinnfolien; "trügerische Hinterglasmalerei" mit bemaltem, aufgeklebtem Pergament; Kristallglas, geschliffen; gefärbte Glaspaste; rote Wachsmasse (zur Abdichtung und Verkittung der einzelnen Glassegmente)
Maße: 1002,4 g (Gewicht)
Standring 12,9 cm (Durchmesser)
18,8 cm (Höhe)
17,6 cm (Tiefe)


Katalogtext:
Der zylindrische Kasseler Glashumpen, etwa zwischen 1618 und 1625 von dem Schweizer Meister Hans Jakob Sprüngli (1559–1637) geschaffen, ist in die einfache, zurückhaltende Fassung eines unbekannten Goldschmiedes montiert, die die Hinterglasmalerei Sprünglis wirkungsvoll zur Geltung kommen lässt. Unter Zuhilfenahme von Zeichnungen seines Landsmannes Gotthard Ringgli (1575–1635) stellte Sprüngli den vor der Entscheidung zwischen Voluptas (Genuss) und Virtus (Tugend) stehenden Herkules dar. In den flachabschließenden Deckel sind ein geschliffener Bergkristall sowie zwölf ovale Reliefbildnisse der ersten römischen Kaiser aus farblich alternierender Glaspaste eingelassen.
Der Humpen stammt aus dem persönlichen Nachlass der Prinzessin Elisabeth (1596–1625), der Lieblingstochter Landgraf Moritzʼ von Hessen-Kassel. Dieser verwandte große Sorgfalt auf die Ausbildung seiner Tochter. Wie ihre Brüder wurde Elisabeth am Collegium Mauritianum, der von Moritz 1595 gegründeten Ritterakademie, unterrichtet, wo sie eine für eine Frau ihrer Zeit ungewöhnlich umfassende Bildung erwarb. Neben Latein beherrschte sie Französisch und Italienisch, und schon früh wurde sie mit antikem Bildungsgut vertraut gemacht. Ferner genoss sie eine ausgezeichnete Musikerziehung, belegt in dem für sie verfassten Lautenbuch (Knispel 1994). Am 25. März 1618 heiratete Elisabeth den verwitweten Herzog Johann Albrecht von Mecklenburg-Güstrow (1590–1636). In einer Wiederfalls-Verschreibung vom 20. Juni 1618 wurde festgesetzt, dass ihr Heiratsgut an Hessen zurückfalle, sollte sie ohne Nachkommen und vor ihrem Gemahl sterben.
Einem erst vor wenigen Jahren im Schweriner Landesarchiv entdeckten, leider undatierten „Verzeichnis der Juwelen, des Silbergeschirrs und verschiedener Kunstsachen“ aus dem Besitz Elisabeths ist zu entnehmen, dass ihre kostbare Sammlung nicht nur der Aussteuer oder fürstlichen Geschenken zu verdanken war, sondern dass sie viele Objekte auch selbst erworben hatte. Der Vermerk „Ein Kristal Kan mit silber Verguldt eingefast und gemahlt hat mir mein hertzlieber Bruder Landgraff Philips Verehrt“ (Kat. Güstrow 2006, S. 148) bezieht sich möglicherweise auf den in Rede stehenden Humpen.
Anfang 1626 wurde der Nachlass Elisabeths inventarisiert und in elf Kisten reisefertig gemacht. Auf dem Weg über Rostock, Glückstadt und Hamburg gingen allerdings mancherlei Preziosen verloren (zum Schicksal des Nachlasses vgl. Schmidberger 2006). In Kassel sind heute neben dem sogenannten Sprüngli-Humpen, dem bedeutendsten erhaltenen Kunstwerk der Hinterlassenschaft, nur noch der Deckel eines Perlmutterpokals und ein Serpentinkrug nachweisbar. 1763 waren diese mit dem Vermerk, dass sie aus der Mecklenburger Erbschaft stammen, aus der Silberkammer in das Kasseler Kunsthaus überwiesen worden. Später wurden sie im Museum Fridericianum ausgestellt und schließlich in den gegenwärtigen Museumsbesitz überführt (Schütte 2003, Nr. 44).
(Cornelia Weinberger in: Kat. Kassel 2016)


Literatur:
  • Lenz, A.: Führer durch den Unterstock der neuen Bildergalerie zu Kassel von A. Lenz, Königlichem Museums=Inspector, Kat.Nr. 236, S. 9.
  • Drach, C. Ahlhard: Aeltere Silberarbeiten in den Königlichen Sammlungen zu Cassel. Mit urkundlichen Nachrichten und einem Anhang: Der Hessen-Casselsche Silberschatz zu Anfang des 17. Jahrhunderts und seine späteren Schicksale. Marburg 1888, S. 16.
  • Dreier, Franz-Adrian: Hans Jacob Sprüngli aus Zürich als Hinterglasmaler. In: Zeitschrift für Schweizerische Archäologie und Kunstgeschichte (1961a), S. 5-18, S. 7.
  • Ryser, Frieder: Verzauberte Bilder. Die Kunst der Malerei hinter Glas von der Antike bis zum 18. Jahrhundert. München 1991, S. 101-107.
  • Ryser, Frieder; Salmen, Brigitte: "Amalierte Stuck uff Glass/ Hinder Glas gemalte Historien und Gemäld." Hintergglaskunst von der Antike bis zur Neuzeit. Murnau 1995, S. 128-132.
  • Seelig, Lorenz: Werke der Hinterglasmalerei in Goldschmiedefassungen. Zu einer wenig beachteten Gattung des Kunsthandwerks der Spätrenaissance. In: Farbige Kostbarkeiten aus Glas. Kabinettstücke der Zürcher Hinterglasmalerei 1600-1650, hrsg. von Hanspeter Lanz und Lorenz Seelig (1999), S. 75-100, S. 87.
  • Jolidon, Y.: Zur Biografie Sprünglis. In: farbige Kostbarkeiten aus Glas - Kabinettstücke der Züricher Hinterglasmalerei 1600-1650 (1999), S. 50-56, S. 50-56.
  • Glanzlichter. Die Kunst der Hinterglasmalerei/ Reflets en chanteurs L' art de la peinture sous verre. Bern 2000.
  • Lanz, Hanspeter [Hrsg.]; Seelig, Lorenz: Farbige Kostbarkeiten aus Glas - Kabinettstücke der Züricher Hinterglasmalerei 1600-1650. München 2000, Kat.Nr. 13, S. 61,75,85-87.
  • Schmidberger, Ekkehard; Richter, Thomas; Eissenhauer, Michael [Hrsg.]: SchatzKunst 800-1800. Kunsthandwerk und Plastik der Staatlichen Museen Kassel im Hessischen Landesmuseum. Wolfratshausen 2001, Kat.Nr. 78, S. 188.
  • Jamnitzer, Moritz; Eikelmann, Renate [Hrsg.]; Seelig Lorenz [Bearb.]: Der Mohrenkopfpokal. München 2002, S. 199.
  • Schütte, Rudolf-Alexander: Die Silberkammer der Landgrafen von Hessen-Kassel. Bestandskatalog der Goldschmiedearbeiten des 16. bis 18. Jahrhunderts in den Staatlichen Museen Kassel. Kassel / Wolfratshausen 2003, Kat.Nr. 44, S. 16, 196-201.
  • Scherner, Antje [Bearb.]; Cossalter-Dallmann Stefanie [Bearb.]: Aus der Schatzkammer der Geschichte. Vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert. Petersberg 2016, Kat.Nr. 29, S. 76.


Letzte Aktualisierung: 18.04.2018


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