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Der Fahnenträger



Der Fahnenträger


Inventar Nr.: GK 251
Bezeichnung: Der Fahnenträger
Künstler / Hersteller: Rembrandt Harmensz. van Rijn (1606 - 1669), Maler/in, Kopie nach
Dargestellt: unbekannt, Dargestellt
Datierung: um 1636
Objektgruppe: Gemälde
Geogr. Bezug:
Material / Technik: Leinwand
Maße: 111,5 x 89 cm (Bildmaß)
129 x 107 x 7 cm (Objektmaß)
Provenienz:erworben um 1755 durch Wilhelm VIII. von General von Donop


Katalogtext:
Zusammen mit dem Mann im Harnisch (GK 245) um 1755 erworben, hing der Fahnenträger im Galeriesaal des 18. Jahrhunderts als dessen Gegenstück. Mit ihren fast gleichen Maßen, der thematischen Übereinstimmung – bei beiden handelt es sich um die Darstellung kriegerisch gewandeter Männer in mittlerem Alter – und den gespiegelten Kompositionen bilden sie ein klassisches Pendantpaar, das so überzeugend ist, daß die in der Großherzoglichen Gemäldegalerie zu Schwerin als Kopien vorhandenen Stücke auch in dieser Weise gehängt wurden.
Das Bild zeigt einen stattlichen Mann als Halbfigur gegen rechts. Bekleidet mit einem gelblich-braunen Waffenrock mit bauschigen Ärmeln, einer Halsberge, einer Schärpe und einem Federbarett hat er den rechten Arm in die Seite gestützt und hält in der linken Hand eine an seiner Schulter lehnende große Fahne. Deren weiße Stoffbahn hinterfängt seinen Kopf und umfließt seinen Körper. Über dem rechten Arm bauscht sie sich in schweren Falten auf, so daß von dem eigentlichen Fahnenschaft nichts zu sehen ist. Ein umgeschnallter Dolch verschwindet zur Hälfte unter den Stoffmassen, die hinter seinem Rücken herabfallen. Das Gesicht mit großen Augen und einem langen Schnautzbart wendet er dem Betrachter zu, der jedoch nicht direkt angeschaut wird.
Bode erkannte bereits 1870, daß der Fahnenträger in Kassel „nur eine gute Schulkopie des berühmten Fahnenträgers in der Sammlung Rothschild zu Paris“ sei. In den Galeriekatalogen tat man sich mit diesem Zugeständnis etwas schwerer. 1878 wird lediglich erwähnt, daß ein „besseres Exemplar in der Sammlung James Rothschild zu Paris“ existiere. Im nächsten, um 1882 herausgebrachten Katalog wird dann tatsächlich von einer Kopie gesprochen.

Das Original in Pariser Privatbesitz stammt aus dem Jahre 1636. Die Kasseler Kopie vereinfacht diese Vorlage an vielen Stellen: Die Falten werden summarischer wiedergegeben, Konturen – wie etwa am gewellten Rand des Barettes oder an dem Stoffbausch über der rechten Schulter – plakativer umrissen. Damit zeigt sie eine ähnlich sichere und flüssige Malweise wie die ebenfalls nach einem Original von 1636 entstandene und ehemals in der Kasseler Sammlung vorhandene Kopie der Blendung Simsons (Kriegsverlust). Eine kraftvolle, malerische Nachzeichnung des Pariser Fahnenträgers, die von Werner Sumowski Ferdinand Bol zugeschrieben wird, scheint in enger zeitlicher Nähe zum Original in der Werkstatt Rembrandts entstanden zu sein. Sie zeigt einen kleineren Bildausschnitt als die Vorlage und – ähnlich wie die Kasseler Version – den am Betrachter vorbeigehenden Blick. Von Bol gab es zudem, wie wir aus einer Notiz von Rembrandts eigener Hand wissen, auch einen in der Werkstatt Rembrandts gemalten Fahnenträger, den der Meister um 1637 verkaufte (Kat. Kassel 2006, S. 26).

Während die Kasseler Inventare und Kataloge in Bezug auf den Dargestellten durchgängig von einem holländischen Bürgerfähnrich sprechen, erwähnt Friedrich Christoph Schmincke ihn in seiner Beschreibung der Stadt Kassel 1767 als „Officier Suisse en Armature“. Tatsächlich aber ist die Waffenkleidung des dargestellten Mannes nicht mit realen Uniformen von Fahnenträgern in Verbindung zu bringen. Sie gehört vielmehr dem reichen Fundus der Phantasietrachten Rembrandts an. Lediglich das Federbarett, die Halsberge und die Schärpe zählen im 17. Jahrhundert zur Ausstattung eines Fähnrichs. Das Gemälde ist somit nicht als Porträt eines zeitgenössischen Vertreters dieses Standes zu verstehen – ein solches zeigt uns Rembrandts Bildnis des Floris Soop als Fähnrich aus dem Jahr 1654 im Metropolitan Museum of Art in New York –, sondern als Sinnbild der mit einem Fahnenträger in Verbindung gebrachten militärischen Tugenden schlechthin. Er ist es, der in der Schlacht am längsten ausharren muß, um den kämpfenden Kameraden mit dem Banner Mut zuzusprechen. Wendet er sich zur Flucht, folgt ihm die Truppe und der Kampf ist verloren.
Die beiden auf den ersten Blick so ähnlichen „Soldatenbilder“ im landgräflichen Galeriesaal sind somit nicht nur formal sondern auch inhaltlich echte „Gegen“-Stücke: Der äußerste Standhaftigkeit, Selbstbewußsein und Zuversicht ausstrahlende Fahnenträger wird mit dem nachdenklichen und schwermütigen geharnischten Krieger konfrontiert und kontrastiert.
(J. Gierse, 2006)



Inventare:
  • Catalogue des Tablaux. Kassel 1749, S. 75, Nr. 836.
Literatur:
  • Causid, Simon: Verzeichnis der Hochfürstlich-Heßischen Gemälde-Sammlung in Cassel. Kassel 1783, S. 5, Kat.Nr. 16.
  • Robert, Ernst Friedrich Ferdinand: Versuch eines Verzeichnisses der kurfürstlich hessischen Gemälde-Sammlung. Kassel 1819, S. 53, Kat.Nr. 325.
  • Robert, Ernst Friedrich Ferdinand: Verzeichniß der Kurfürstlichen Gemählde-Sammlung. Cassel 1830, S. 60, Kat.Nr. 371.
  • Auszug aus dem Verzeichnisse der Kurfürstlichen Gemälde-Sammlung. Kassel 1845, S. 39-40, Kat.Nr. 371.
  • Aubel, L.; Eisenmann, Oscar: Verzeichniß der in der Neuen Gemälde-Galerie zu Cassel befindlichen Bilder. 2. Aufl. Kassel 1878, S. 35, Kat.Nr. 371.
  • Eisenmann, Oscar: Katalog der Königlichen Gemälde-Galerie zu Cassel. Nachtrag von C. A. von Drach. Kassel 1888, S. 153, Kat.Nr. 229.
  • Gronau, Georg: Katalog der Königlichen Gemäldegalerie zu Cassel. Berlin 1913, S. 54, Kat.Nr. 251.
  • Gronau, Georg; Luthmer, Kurt: Katalog der Staatlichen Gemäldegalerie zu Kassel. 2. Aufl. Berlin 1929, S. 64, Kat.Nr. 251.
  • Bott, Gerhard; Gronau, Georg; Herzog, Erich; Weiler, Clemens: Meisterwerke hessischer Museen. Die Gemäldegalerien in Darmstadt, Kassel und Wiesbaden. Hanau 1967, S. 126.
  • Herzog, Erich: Die Gemäldegalerie der Staatlichen Kunstsammlungen Kassel. Geschichte der Galerie von Georg Gronau und Erich Herzog. Hanau 1969, S. 38.
  • Schnackenburg, Bernhard: Gemäldegalerie Alte Meister Gesamtkatalog. Staatliche Museen Kassel. 2 Bde. Mainz 1996, S. 247.
  • Weber, Gregor J. M. u. a.: Rembrandt-Bilder. Die historische Sammlung der Kasseler Gemäldegalerie. Ausstellungskatalog Staatliche Museen Kassel. München 2006, S. 233-237, Kat.Nr. 34.

Siehe auch:


  1. AZ 585: Fahnenträger (Kopie nach Rembrandt)


Letzte Aktualisierung: 11.11.2020


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