Grabrelief des Herodios an seinen Sohn



Grabrelief des Herodios an seinen Sohn


Inventar Nr.: Sk 144
Bezeichnung: Grabrelief des Herodios an seinen Sohn
Künstler / Hersteller: unbekannt
Herodios (nach 200 - vor 400), Auftraggeber
Datierung:
Datierung1.-2. Jh. n. Chr.
Inschrift200 - 400
Objektgruppe: Skulptur
Geogr. Bezüge:
Kykladen?
FundortAngeblich von den Kykladen (Naxos?, Paros?)
Material / Technik: Weißer, feinkristalliner Marmor
Maße: Bildfeld 33 cm (Breite)
116 cm (Höhe)
lichte Höhe des Bogens 11,5 cm (Höhe)
unten 48,5 cm (Breite)
linke Hand und Ball ragen über das Antenprofil vor bis 2,5 cm (Tiefe)
Relieftiefe 4,5 cm (Tiefe)
Bildfeld 62 cm (Höhe)
Architrav 45 cm (Breite)
Provenienz: Erworben 1992 im Kunsthandel B. Gackstätter, Antikenkabinett, Frankfurt am Main. (Aus Slg. Laux, Paris)


Katalogtext:
Das vollständige Grabrelief besteht aus einem hohen Stelenfuß und sich verjüngenden Seitenwänden mit Antenkapitellen, auf denen ein dreifach facettierter Bogen aufliegt und das eingetiefte Bildfeld oben abschließt. Eine plastische vorkragende Leiste rahmt das Bogenfeld seitlich und oben; die Ecken füllt je eine schalenförmige Rosette mit Blütenstempel bzw. Omphalos. Der Architrav darüber trägt eine zweizeilige flüchtige Inschrift. Der Giebel mit vorkragenden Gesimsen und umrisshaft gearbeiteten Akroteren bekrönt die Stele. Das Tympanon ist geschmückt mit einer großen sechsblättrigen schalenförmigen Rosette mit Blütenstempel bzw. ›Omphalos‹. Die Blütenblätter sind durch gerade Ritzlinien getrennt und an den Enden gerundet; der konvexe Stempel ist zentrisch angebohrt.

Im Bildfeld steht nahezu frontal ein Jüngling. Er ist bekleidet mit einem in Hüfthöhe gebauschten Himation, das seinen Unterkörper bis zu den Knien bedeckt. Ein Ende des Gewandbausches hat er über den linken Unterarm geschlungen, das andere fällt von der linken Schulter über den Oberarm und die Hüfte neben dem stärker entblößten Spielbein bis zum Knöchel mit einer Troddel herab. Der Mantel liegt dicht am Körper; die Bogenfalten am rechten Standbein und die Zugfalten auf dem Oberschenkel und der Hüfte des Spielbeins lassen die Körperformen durchscheinen. Der Jüngling hat eine kappenartige, flüchtig ausgearbeitete Frisur aus krausen bis welligen Locken. Beide Oberarme liegen am Rumpf an. In der linken Hand des vorgestreckten Unterarms hält er einen Ball. Mit der gesenkten und etwas seitwärts gestreckten Hand umfasst er einen ehemals mit einem Metallstift eingesetzten Gegenstand. Unter der Hand sitzt nach rechts ein flachreliefierter Hund, der die Schnauze zur Hand emporreckt und zugleich die rechte Vorderpfote erhebt. Durch eine minimale Körperdrehung und Kopfneigung zur rechten Standbeinseite deutet der Sandalen tragende Jüngling eine Hinwendung zu dem Tier geringfügig an.

Die kurzlockige Haartracht, das rundlich füllige Gesicht und die Körperformen stellen ihn in dem Lebensalter zwischen Knabe und Jüngling von ca. 12 bis 15 Jahren dar. Das reale Alter des Jungverstorbenen bleibt – wie zumeist in der Sepulkralkunst sowohl physiognomisch als auch textlich – ungewiß; auch die Inschrift auf dem Architrav gibt darüber keinen Aufschluss.

Ηρωδηος τον εαυτου υον
ηρωα

Herodios (hat) seinen Sohn (aufgestellt), den Heros (Verstorbenen).

Es handelt sich hierbei um zwei Zeilen einer Zweitinschrift, die Schriftfläche ist ungeglättet und tiefergelegt, die Schrift ist flüchtig und kursiv. Am rechten unteren Rand befindet sich ein Rest der geglätteten, höherliegenden Oberfläche des Architravs mit spärlichen Buchstabenresten einer getilgten Inschrift (?). Herodios wird mit Eta geschrieben; das Sigma ist nach links gedreht. Die kursiven Buchstabenformen weisen in das 3. oder 4. Jh. n. Chr. Die Lesung und die Bestimmung der Inschrift nach Photographie werden Christof Schuler verdankt. Die Eisenstifte neben den Zwickelrosetten und seitlich an den Antenkapitellen dienten der Aufhängung von Devotionalien (Tänien, Kränze) anlässlich der Feiern und Besuche am Grab (Mercky 1995).

Die Denkmalform der Bogenstele wird im Bereich der Kykladen seit hellenistischer Zeit zum beherrschenden Typus (Couilloud 1974, Schmaltz 1983). Unter den großen delischen Archivoltenstelen ist keine exakte Parallele unseres Typs ohne Antenplinthen bzw. ohne ›Figurensockel‹ zwischen den Anten bekannt.

Das einfigurige Palästritenbild erfuhr in den attischen Naiskos-Stelen spätklassischer Zeit seine entscheidende Prägung (Schmaltz 1979, Scholl 1996). Im ägäisch-ostgriechischen Raum wurde es während der hellenistisch-römischen Zeit zu eigenständigen regionalen Figurentypen entwickelt (Pfuhl – Möbius 1977, Schmidt 1991, Mercky 1995). Der Jungverstorbene wird als Pais mit den anlässlich der Anthesterien überreichten Geschenken (Spieltiere wie Hund, Gans, Vogel; Spielzeug wie Ball etc.; Weintraube, Kännchen etc.) gezeigt oder bereits als Palästrit mit schulischem Gerät zur körperlich-geistigen Erziehung ausgestattet oder als Ephebe in der Tracht und mit den Attributen dargestellt, die auf das bürgerliche berufliche Erwachsenendasein vorausweisen.

Weil im Totenkult einerseits eine fortschreitende Tendenz zur Heroisierung zu beobachten ist (Fabricius 1996), und andererseits die Jungverstorbenen in ihrer Aufmachung zumeist der Welt der Erwachsenen angepasst erscheinen, können sie prospektiv wie ›kleine Erwachsene‹ und zugleich retrospektiv wie ›Kindlich-Verspielte‹ erscheinen. Der Dargestellte dieser Bogenstele wirkt durch die frontale Ausrichtung und Haltung der Figur sowie den Körperbau mehr jünglingshaft und statuarisch, fast polykletisierend. Das rundlich füllige Gesicht und die kugelige Kopfform deuten auf ein kindlich-knabenhaftes Alter hin. Der brav sitzende, Schnauze und eine Pfote emporreckende Hund lässt auf eine Dressur durch sein Herrchen schließen; darin unterscheidet sich der ältere Palästrit oder Ephebe von den Stelen mit Knaben, die von ihren Hündchen angesprungen werden. Das Ballspiel war sowohl bei Paides, Palästriten wie Epheben beliebt. Die Bekleidung mit dem Himation im Hüftbauschduktus lässt an die erhoffte Zukunft eines erwachsenen Bürgers denken und in der Verbindung mit der Figurenhaltung und dem Körperbau auch an eine Heroisierung, wie es in der Inschrift zum Ausdruck kommt. Die ungewohnte Trageweise des Himations mit entblößtem linken Knie und Oberschenkel, dem tief geführten und auf den linken Unterarm gelegten Bausch und mit der am Spielbein tief herabhängenden Faltenbahn erinnert an die divinisierten Heroen und Herrscher im Iupitertypus der frühen Kaiserzeit – mit der kurzen Himationtracht ist aber ein altersspezifischer jugendlicher Habitus gemeint. Eine motivisch gleiche Gewanddarstellung an Palästritenbildern ist bisher anscheinend nicht nachzuweisen.

Die etwas spröde Körpermodellierung und das ledrig erscheinende Gewand mit sparsamen rundrückigen Faltenstegen sowie das klassizistisch wirkende Figurenschema können auf eine Entstehung der Figur vom 1. Jh. v. bis in das 2. Jh. n. Chr. hindeuten (vgl. zur Spätdatierung das Achilleus-Relief Athen NM 1450). Für die Zweitinschrift nach Rasur kommt das 3.–4. Jh. n. Chr. in Betracht. Die Größe des Reliefs und die repräsentativ wirkende Darstellung mögen für die Wiederverwendung mitbestimmend gewesen sein.

Die nur angedeutete Hinwendung unseres Jünglings zu der Handlung im Bildgeschehen ist kykladischen Bogenstelen, insbesondere bei frontal stehenden Figuren seit späthellenistischer Zeit nicht fremd (Schmaltz 1983, Schmidt 1991). Der Eindruck repräsentativer Figuren in ein- und mehrfigurigen Reliefs wird durch ihre Isolierung bzw. Hinwendung zum Betrachter forciert. Zugleich werden Jungverstorbene in einem bürgerlichen, tatsächlich oder vermeintlich zu tragenden Gewand und mit realen oder typisierten Attributen und Begleitfiguren dargestellt, die ihnen wie die Inschriften Realität beizulegen suchen. Die Mischung aus repräsentativem klassizistischem Figurenschema und vorgeblich bürgerlicher Realitätsnähe des heroisierten Jungverstorbenen zeichnen Grabreliefs kykladischer Provenienz aus.

(Gercke 2007)


Literatur:
  • Gercke, Peter; Zimmermann-Elseify, Nina: Antike Skulpturen und Neuzeitliche Nachbildungen in Kassel. Bestandskatalog. Mainz 2007, Kat.Nr. 114, S. 345-347.


Letzte Aktualisierung: 03.07.2019


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