Aschenurne des C. Tanusius Balbinus



Aschenurne des C. Tanusius Balbinus


Inventar Nr.: Sk 55
Bezeichnung: Aschenurne des C. Tanusius Balbinus
Künstler / Hersteller: unbekannt
Gaius Tanusius Balbinus Anicius (nach 25 - vor 100 n. Chr.), Widmungsempfänger
Datierung: 50-100 n. Chr.
Objektgruppe: Skulptur
Geogr. Bezüge:
Imperium Romanum, Rom
Fundort: Angeblich aus Siena
Material / Technik: Weißer, kleinkörniger Marmor mit dunklen Adern
Maße: Kasten 35 x 29 x 28,5 cm (Objektmaß)
Kasten ohne Basis 25 cm (Höhe)
Deckel 9 x 29 x 29 cm (Objektmaß)
Deckel ursprünglich 26,7 cm (Tiefe)
Provenienz:angeblich aus Siena; erworben 1777 durch Landgraf Friedrich II. in Rom bei Piranesi; Alter Bestand. (Ex Slg. Sani, Siena)


Katalogtext:
Der dickwandige querrechteckige Kasten ist vollständig ausgehöhlt. Seine unteren und oberen Abschlußleisten sind auf den Nebenseiten glatt, auf der Front profiliert. Darauf folgt unten ein stehendes, oben ein fallendes Blattkyma.
Eine Tabula, die von einem Scherenblattkyma gerahmt ist, nimmt einen Großteil der Front ein. Sie trägt die unregelmäßig eingeritzte Inschrift C • TANVSI • C • f. │BALBINI • │ ANICI, die Gaius Tanusius Balbinus Anicius, Sohn des Gaius, als Inhaber der Urne nennt.

Zwei leicht vertiefte, schmale Felder flankieren die Tabula. Sie zeigen pflanzliche Kandelaber, die aus Akanthuskelchen emporwachsen und Kantharoi mit bauchigen geriefelten Körpern tragen. Seitlich zweigen von den Kandelabern flach eingeritzte Blätter ab, über den Kantharoi kreuzen sich jeweils zwei eingritzte Zweige. Die Kandelaber und die Blattkymata auf der Front zeigen kleine einzelne Bohrlöcher.
Auf den Nebenseiten wachsen Ranken aus flachen Akanthuskelchen zu baumartigen Gebilden empor. Ein Blütenkelch mit Knospen überragt die große rosettenförmige Zentralblüte. Streng symmetrisch geschwungene Ranken enden zu beiden Seiten in je zwei weiteren Rosettenblüten, die etwas kleiner sind. Die Ranken bilden längliche weiche Blätter sowie Knospen. Auf den Blättern sitzen jeweils zwei Schmetterlinge, auf der rechten Nebenseite unmittelbar neben der Zentralblüte und nach außen gewandt, auf der linken Nebenseite weiter außen und nach innen gewandt. Die Rankengebilde mit ihren dünnen Zweigen stimmen auf beiden Nebenseiten in ihrer Anlage überein, weisen jedoch im Detail Variationen auf. Die unverzierte Rückseite ist mit Spitz- und Zahneisen grob geglättet.

Das Giebelfeld des dachförmigen Deckels zeigt zwei Vögel, die an Kirschen picken. Spiralbänder säumen die Ränder des Deckels. Die schrägen Dachflächen teilen sich beidseits des Firstbalkens in je zwei Felder mit Blattmotiven. Rollen aus akanthusartigen Blättern, die in der Mitte jeweils von einem doppelten Seil umwunden sind, bilden die seitlichen Pulvini, die auf der Front in Blattrosetten enden.

Kasten und Deckel, die vermutlich aus der Umgebung von Siena stammen (Sinn 1987, 164), gehören zu Aschenurnen aus stadtrömischer Produktion.
Der auffallend große Unterschied zwischen den Blütenrosetten einerseits und den Ranken andererseits in Reliefhöhe und Färbung der Oberfläche spricht dafür, daß die Nebenseiten des Kastens teilweise einer neuzeitlichen Überarbeitung unterzogen wurden. In den Blütenzwickeln sind z.T. Absätze stehengeblieben, die zu einer ursprünglichen Oberfläche gehört haben könnten. Es ist jedoch nicht mehr feststellbar, inwieweit die Überarbeitung den antiken Entwurf beeinträchtigt oder verändert hat. Auf einer Zeichnung, die den Kasten vermutlich noch vor seiner Restaurierung zeigt, sind auf den Nebenseiten einzelne Blüten ohne verbindende Ranken zu sehen (Cristofani 1979, 174; Sinn 1987, 164).

Sowohl der Kasten als auch der Deckel sind vermutlich in der zweiten Hälfte des 1. Jhs. n. Chr. entstanden. Eine genauere Datierung ist aufgrund der neuzeitlichen Überarbeitung und mangels äußerer Kriterien nicht möglich (Sinn 1987, 35. 164).
Das pflanzlich bestimmte Dekor von Kasten und Deckel entspricht der im 1. Jh. n. Chr. vorherrschenden Verzierung von Marmorurnen. Kandelaber zählen als Beleuchtungsträger und Weihrauchständer zu den sakralen Gegenständen, die nicht nur bei Begräbniszeremonien und im Totenkult eine wichtige Rolle spielen (Sinn 1987, 58. 83), sondern auch im Kult der Götter. So werden Kandelaber im Rahmen der augusteischen Pietas-Programmatik zu einem wichtigen Element der offiziellen Bildsprache, wo sie besonders eng mit dem vom Kaiser geförderten Apollonkult verbunden sind (Zanker 1990, 93 f.).

In neronischer und flavischer Zeit finden derartige Motive verstärkt Eingang in die private Grabkunst. Dort beziehen sie sich aber nicht mehr direkt auf die Apollonverehrung und die augusteische Propaganda, sondern sie verweisen auf den Aschenurnen als allgemeines Pietas-Symbol auf die Frömmigkeit der Verstorbenen (Sinn 1987, 74 f.; Zanker 1990, 94, 276 ff.).
Die Blüten auf den Nebenseiten des Kasseler Urnenkastens lassen sich ebenfalls auf die offizielle Bildsprache der augusteischen Epoche zurückführen. Sie stehen dort als Teil aufwendiger Rankengebilde für Fruchtbarkeit und Fülle. Damit knüpfen sie an eine lange Tradition an, die sich bereits in der unteritalischen Vasenmalerei des 4. Jhs. v. Chr. manifestiert (Zanker 1990, 184 f.). In der Staatspropaganda werden Ranken, die durch Blüten und kleine Tiere bereichert sind, zum Symbol des „goldenen Zeitalters“ (Saeculum aureum), das mit der Herrschaft des Augustus anbrechen sollte (Zanker 1990, 184 ff.).
Derartige Motive werden ebenfalls nach und nach auf private Grabmäler übertragen (Zanker 1990, 277), wo sie als Chiffren für Fruchtbarkeit und den Fortbestand des Lebens adäquat erscheinen. Auch einzelne Blüten können die Nebenseiten von Aschenurnen verzieren (z.B. Sinn 1987, 108 Nr. 67; 120 Nr. 114). Es ist möglich, daß die Ranken auf dem Kasseler Kasten zumindest im Kern antik sind.

Reliefverzierte Marmorurnen wie das Kasseler Exemplar wurden auf Vorrat gefertigt. Der Käufer ließ die Inschrift nachträglich in die dafür vorbereitete Tabula einmeißeln (Sinn 1987, 18). Bei der Aufstellung in einer Grabkammer oder einem Columbarium war die Rückseite nicht sichtbar.
Die Ergänzung der Urne durch eine Basis entspricht der üblichen Restaurierungspraxis des 18. Jhs. (Sinn 1987, 3). Das gleiche gilt für die Anstückung eines rückwärtigen Streifens, um einen zu kleinen, nicht zugehörigen Deckel mit einem Kasten zu verbinden.

(Zimmermann-Elseify 2007)



Literatur:
  • Bieber, Margarete: Die antiken Skulpturen und Bronzen des Königlichen Museum Fridericianum in Cassel. Marburg 1915, Kat.Nr. 84.
  • Gercke, Peter; Zimmermann-Elseify, Nina: Antike Skulpturen und Neuzeitliche Nachbildungen in Kassel. Bestandskatalog. Mainz 2007, Kat.Nr. 111, S. 335-337.


Letzte Aktualisierung: 17.04.2020


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