Prunkdegen des Landgrafen Moritz mit Büchsenmeisterbesteck in der Scheide



Prunkdegen des Landgrafen Moritz mit Büchsenmeisterbesteck in der Scheide


Inventar Nr.: KP B XIV.207
Bezeichnung: Prunkdegen des Landgrafen Moritz mit Büchsenmeisterbesteck in der Scheide
Künstler / Hersteller: Christoph Trechsler
Datierung: 1609
Objektgruppe:
Geogr. Bezug: Dresden
Material / Technik: Metall: Stahl, Silber vergoldet, Messing vergoldet, Kupfer; Leder, Holz
Maße: Kaliberstab klein (LxBxT): 18,4 x 1,5 x 0,4 cm (Objektmaß)
Degen (LxBxT): 87,4 x 15 x 2,7 cm (Objektmaß)
87,4 cm (Länge)
Rundstäbe mit Gewindespitzen (LxBxT): 37,8 x 2,4 x 0,7 cm (Objektmaß)
Geschützrichter (LxBxT): 40,6 x 4,2 x 1,7 cm (Objektmaß)
Scheide (LxBxT): 77,7 x 5 x 3,4 cm (Objektmaß)
Messer (LxBxT): 19 x 1,7 x 0,7 cm (Objektmaß)
Messingpfriem (LxBxT): 15,3 x 0,7 x 0,8 cm (Objektmaß)
Holzpfriem (LxBxT): 16 x 1 x 0,7 cm (Objektmaß)


Katalogtext:
Der Prunkdegen mit Büchsenmeisterbesteck stammt aus dem Besitz Landgraf Moritz’ des Gelehrten. Christoph Trechsler (1546–1624) fertigte das Ensemble 1609 in Dresden an und signierte es mit den Initialen CTM (Christoph Trechsler Mechanicus) sowie der Jahreszahl 1609. Die elegante Blankwaffe besitzt ein aufwendig gestaltetes Gefäß, dessen Knauf durchbrochene Reliefs mit Venus und Amor sowie rückseitig ein von zwei Händen gehaltenes Herz zieren.
Neben dem Prunkdegen enthält die Scheide mehrere Instrumente zum Reinigen und Ausrichten sowie zur Kaliberbestimmung von Handfeuerwaffen und Artilleriegeschützen: Zwei mit Gewinde versehene Rundstäbe dienten zum Ausdrehen von Luntenresten aus den Zündkanälen der Geschütze und von Kugeln aus Pistolenläufen. Ein Holz- und ein Messingpfriem wurde zum Reinigen verwendet, das Messer zum Abschneiden der Lunten.
Als damals hochmodernes militärisches Instrument kann der Geschützrichter mit Kalibermaß gelten. Das Kalibersystem war erst im 16. Jahrhundert in Nürnberg erfunden worden und definierte nicht wie heute den Durchmesser eines Geschosses, sondern dessen Gewicht, das in Pfund angegeben wurde. Die Skala des Kalibermaßes erlaubte es, aus dem Durchmesser einer Kugel ihr Gewicht abzuleiten, und zwar abhängig von ihrem Material (Stein, Eisen, Blei). Mit dem Neigungsmesser am oberen Ende des Instruments konnte zudem die Stellung des Geschützrohrs bestimmt werden. Aus diesem Neigungswinkel, dem Kugelgewicht und der Menge und Art der Pulverladung ließ sich sodann die Flugbahn und die Trefferlage des Geschosses berechnen. Während das Kalibermaß für die Artillerie seit der Mitte des 16. Jahrhunderts zum unentbehrlichen Messinstrument wurde, ist es für Kleinfeuerwaffen eher ungewöhnlich. So zählt der kleine Messstock für Kleinmunition zu den Besonderheiten des Waffenensembles. Seine Skalen, je eine für Blei-, Zinn-, Messing- und Eisengeschosse, erlaubten es, das Gewicht der Projektile ebenfalls in Pfund sowie in Lot abzulesen. Ein leerer Steckplatz in der Scheide deutet zudem auf einen einst vorhandenen Greifzirkel zum Abnehmen der Geschossdurchmesser hin.
Der Prunkdegen und das Büchsenmeisterbesteck standen zueinander in keinem praktischen Verwendungszusammenhang und waren aufgrund ihrer prachtvollen Ausarbeitung auch nicht für den Gebrauch auf dem Schlachtfeld gedacht. Vielmehr handelt es sich um Repräsentationswaffen, die ihren fürstlichen Besitzer als Kenner anspruchsvoller Wissensgebiete wie der Geometrie oder Ballistik sowie der Kriegskunst auszeichneten.
Der Hersteller der Prunkwaffe, Christoph Trechsler der Ältere, zählt zu den bedeutendsten deutschen Instrumentenmachern des 16. und 17. Jahrhunderts und war Zeit seines Lebens für die Kurfürsten von Sachsen tätig. Wie ein sehr ähnliches Waffenensemble Trechslers von 1617 in Schloss Rosenborg, Kopenhagen, gilt auch das Kasseler Ensemble als diplomatisches Geschenk eines sächsischen Kurfürsten, vermutlich Christians II. von Sachsen (1583–1611). Möglicherweise stand es in Zusammenhang mit dem Jüterboger Frieden zwischen Brandenburg und Sachsen (1611), bei dessen Vermittlung der hessische Landgraf Moritz der Gelehrte eine wichtige Rolle gespielt hatte.
(Antje Scherner in: Kat. Kassel 2016)


Literatur:
  • Moritz der Gelehrte. Ein Renaissancefürst in Europa [Begelitpublikation aus Anlass der Ausstellung in Lemgo, Weserrenaissance-Museum Schloß Brake, 19. Oktober 1997 - 1. Februar 1998, Kassel, Staatliche Museen Kassel, Orangerie, 6. März 1998 - 31. Mai. Eurasburg 1997, Kat.Nr. 13, S. 27.
  • Hein, Jørgen: The Treasure Collection at Rosenborg Castle. The Inventories of 1696 and 1718. Royal Heritage and Collecting in Denmark-Norway 1500-1900. Kopenhagen 2009, Kat.Nr. 854, S. Bd. III, S. 159-161.
  • Mit Fortuna übers Meer. Sachsen und Dänemark - Ehen und Allianzen im Spiegel der Kunst (1548-1709). Berlin 2009, Kat.Nr. II.43, S. 170 f.
  • Scherner, Antje [Bearb.]; Cossalter-Dallmann Stefanie [Bearb.]: Aus der Schatzkammer der Geschichte. Vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert. Petersberg 2016, Kat.Nr. 27, S. 72.


Letzte Aktualisierung: 27.04.2018


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