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Anbetung der Hirten (nach dem Stich von L. Vorsterman nach P.P. Rubens)


Inventar Nr.: 1747/869 (Dep. 101)
Bezeichnung: Anbetung der Hirten (nach dem Stich von L. Vorsterman nach P.P. Rubens)
Künstler / Hersteller: Christoph Zipper, Maler/in
Lucas d. Ä. Vorsterman (1595 - 1675), Zeichner
Peter Paul Rubens (1577 - 1640), Inventor
Datierung: um 1708
Objektgruppe: Gemälde
Geogr. Bezug: Deutschland, deutscher Künstler
Material / Technik: Streuarbeit
Maße: 161 x 215 cm (Bildmaß)
Zierrahmen 174,5 x 228,5 cm (Rahmenmaß)
174,5 x 228,5 cm (Objektmaß)


Katalogtext:
Das bislang in der Forschung unbeachtet gebliebene Werk gehört zu einer Gruppe von sogenannten Streubildern oder Flockbildern, die 1747 im Inventar des landgräflichen Kunsthauses erwähnt werden. Neben „Zwei fruchtstücken“ wird dort auch „ein groß stück, die geburt Christi vorstellend“ erwähnt, das wohl mit dem ausgestellten Stück identisch sein dürfte. Am 24. März 1708 hatte Landgraf Carl für „Zwey von Sträuarbeit gemachte Mahlereyen“ von Christoph Zipper 30 Thaler bezahlt, sodass zu vermuten ist, dass auch das Stück mit der Anbetung der Hirten von diesem Künstler stammt. Zippers Streuarbeit ahmt auf täuschende Weise Tapisserien nach und belegt einerseits das Interesse an künstlerischen Imitationen oder optischen Spielereien im Kunsthaus unter Landgraf Carl, andererseits die Förderung innovativer künstlerischer Techniken.

Die Streuarbeit stellt die Anbetung der Hirten dar und geht auf eine Komposition von Peter Paul Rubens zurück, für deren weite Verbreitung ein 1620 erschienener Kupferstich von Lucas Vorsterman I sorgte. Er ist auch in einem Klebeband mit Stichen nach Werken Rubens aus der landgräflichen Sammlung in Kassel vorhanden. Zipper hält sich zwar recht genau an die Vorlage, erreicht aber aufgrund der Technik nicht den Detailreichtum des Stiches.

Die Anfänge der Flockarbeiten sind noch nicht vollständig geklärt. Die Verwendung der Technik für die Wandbekleidung ist weitaus älter als die ersten Patentanmeldungen in den Ländern England und Frankreich, die am Anfang des 17. Jahrhunderts die ersten Flocktapeten auf den Markt gebracht haben. Das Flocken, welches auch als Veloutieren bekannt ist, wurde erstmals in einem „Rezeptbüchlein“ des St. Katharinen-Klosters in Nürnberg von 1470 erwähnt. Das technische Verfahren ist über die Jahrhunderte bis heute grundsätzlich gleich geblieben. Die zu beflockenden Partien des Papiers oder der Leinwand wurden mit Leim durch Pinsel, Schablonen oder Druckmodel aufgetragen. Bevor der Leim trocknete, musste feingeschnittener Woll- oder Seidenstaub auf die leimbestrichenen Bereiche aufgestreut werden. Falls mehrere Farbtöne gedruckt oder bestreut werden sollten, musste der Leim nach dem Trocknen von der vorherigen Flockschicht für jede neue Druckschicht erneut auf das Trägermaterial aufgetragen und mit gefärbten Wollfasern bestäubt werden.
Üblicherweise wurde Papier als Trägermaterial benutzt, doch in Deutschland und in den Niederlanden versuchte man schon im 16. Jahrhundert sowohl Leder als auch Stoffgewebe zu veloutieren. Wandbespannungen aus veloutierten Stoffbahnen wurden in Nürnberg, Kassel und Wien hergestellt. Doch werden beflockte Wandbespannungen auf Leinwand als eine französische Spezialität angesehen. Im „Dictionnaire universel de commerce“ (1723) berichtet Jacques Savary des Brûlons, dass die veloutierte Stofftapete in Rouen und Paris entwickelt wurde. Er beschreibt eine Drucktechnik, womit man gewirkte Wandbehänge in einer Pariser Manufaktur in der Vorstadt St. Antoine mit Leim, Wollstaub und Farbe erfolgreich imitieren konnte.
Für Zippers Streubild wurde eine starke Leinwand auf einen Rahmen aufgespannt und vor dem Drucken grundiert. Danach zeichnete er die wichtigsten Konturen der Darstellung auf den Grund. Anschließend wurde der Leim entweder mit Pinsel oder mit Schablonen auf das Trägermaterial aufgetragen. Auf letztere deutet eine Verdickung an den Rändern der Zeichnung hin, die durch das Aufstreichen des Leimes mittels der Schablone erstand. Bevor der Leim trocknete, wurden die bearbeiteten Flächen mit feinem Wollstaub in gewünschtem Ton bestäubt. Nachdem die ganze Fläche von der Tapisserie nach und nach bearbeitet war, wurde die Unterseite des Zwillichs oder der Leinwand mit einem Stöckchen angeschlagen damit der überschüssige Wollstaub von dem Trägermaterial abfiel und die Darstellung dadurch zeigte. Wenn die ganze Fläche trocken geworden war, konnte man Schatten und Stellen, die besonders hervortreten mussten, durch Farbauftrag mit einem Pinsel nachbearbeiten. Dies zeigt sich auch an dem ausgestellten Stück zum Beispiel im Bereich der Gesichter. Durch diese Technik entstand ein lebendiges Oberflächenrelief, das den Eindruck einer tatsächlichen Tapisserie erweckte. Da jedoch die Leimbindung gegen Feuchtigkeit sehr empfindlich war, verblassten die Farben in kurzer Zeit, weshalb heute nur wenige solcher Streu- oder Flockbilder erhalten sind.
(K. Kallaste/J. Lange, 2015)



Inventare:
  • Weinberger Cornelia: Inventarium von denen in dem königl. hfrstl. kunsthaus befindlichen schildereien, rissen, zeichnungen, kupferstichen und sonstigen sachen, welche in dem summarischen inventario de a° 1744 [...] nicht enthalten. Kassel 1747, S. 79, Nr. 869.
Literatur:
  • Lange, Justus; Carrasco, Julia: Kunst und Illusion. Das Spiel mit dem Betrachter. Petersberg 2016, S. 68, 70, Kat.Nr. 18.
  • Bungarten, Gisela (Hrsg.): Groß gedacht! Groß gemacht? Landgraf Carl in Hessen und Europa. Ausstellungskatalog. Kassel, Museumslandschaft Hessen Kassel. Petersberg 2018, S. 341, Kat.Nr. VII.68.
  • Lange, Justus: Original - Werkstatt - Kopie. Zur Verbreitung des Werkes von Peter Paul Rubens - ein Blick auf die Kasseler Sammlung. In: Peter Paul Rubens und der Barock im Norden. Ausstellungskat. Erzbischöfliches Diözesanmuseum Paderborn (2020), S. 74-81, S. 80.


Letzte Aktualisierung: 23.09.2021


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