Armillarsphäre



Armillarsphäre


Inventar Nr.: APK A 35
Bezeichnung: Armillarsphäre
Künstler / Hersteller: Simon Duchesne (16. Jhdt.), Hersteller, Vermutet
Datierung: vor 1592
Objektgruppe: Astronomisches Instrument
Geogr. Bezug: Delft
Material / Technik: Metall: Messing; Eisen, gebläut. Holz: (Fuß) ,Glas,
Maße: Untersatz x 472 x 482 mm (Objektmaß)
mit Untersatz 56 cm (Höhe)


Katalogtext:
Detailbeschreibung:

Holzsockel und Kompaß: Diese Armillarsphäre steht auf einem Holzsockel mit quadratischer Grundfläche, in den lose eine ebenfalls quadratische Messingplatte eingelegt ist. In dieser Platte befindet sich ein Kompaß ohne Kompaßrose. Der Kompaß besteht aus einer 13 Zentimeter durchmessenden Glasscheibe, unter der eine einfache Nadel angebracht ist. Nimmt man die quadratische Messingplatte aus dem Holzsockel, findet man vier Schrauben, die eine Öffnung des Kompaß zwecks Einjustierung der Nadel von unten her zulassen. Der Holzsockel weist einige Merkwürdigkeiten auf. Er ist rechtwinklig zur Südrichtung horizontal durchbohrt. Rechtwinklig zu dieser Durchbohrung befindet sich auf der Nord- und Südseite eine Vertiefung, die über eine konvex geformte Rückwand verfügt, auf der jeweils eine Art Skala angebracht ist. Der Boden des Holzsockels hat in den vier Ecken und in der Mitte unterseitig Vertiefungen. Diese weisen Spuren auf, die darauf hindeuten, daß der Sockel ursprünglich auf einem Stativ befestigt wurde, welches wahrscheinlich eine Justiervorrichtung zur lotgerechten Aufstellung des Instruments besessen hat. Dafür sprechen die Hängelote an den vier Stützen, die den äußeren Horizontalkreis tragen.

Ringsystem: Den fest mit dem Untergestell verbundenen Rahmen bildet der äußere Horizontkreis. Der äußere Meridianring wird von zwei Stützen getragen, die sich auf dem mittleren Ring um den Kompaß drehen lassen. Damit kann der Meridianring mit Hilfe des Kompaß exakt in Nord-Süd-Richtung einjustiert werden.
Das innere Ringsystem spiegelt auf raffinierte Art und Weise die frühneuzeitliche geozentrische Kosmologie wider, in der die sieben planetaren Sphären von einer 8., 9., und 10. Sphäre umgeben werden. Die 10. Sphäre (Primum mobile oder täglicher Beweger) besteht aus Meridianring, Himmelsäquator und Ekliptik und besorgt die Tagesdrehung des Firmaments. Der Benutzer kann mit Hilfe eines flachen Ringes, der an der Unterseite des Meridianringes beweglich gelagert ist, die gewünschte geographische Breite des Beobachtungsorts einstellen. Die 9. Sphäre besteht aus einem Vertikalkreis und einem Horizontalring, der wie die Ekliptik der 10. Sphäre dünner als die anderen Ringe ist. Die 8. Sphäre weist einen Himmelsäquator als Horizontalring auf. Diese Anordnung der 8., 9. und 10. Sphäre könnte darauf hindeuten, daß der Hersteller damit die Präzession und die Trepidation materialisieren wollte (=> Glossar „Präzession und Trepidation“). Außerdem trägt die 8. Sphäre die Fixsternzeiger.
Die Ekliptik der 10. Sphäre ist um 23,5° gegenüber dem Himmelsäquator geneigt und weist alle 10° Löcher mit Gewindebohrungen auf. Möglicherweise konnte hier ein heute nicht mehr erhaltenes Zubehör, etwa ein Sonnen- oder Mondsymbol eingeschraubt werden, das die Stellung dieser Gestirne in der Ekliptik markieren sollte. Auffällig sind auch die Buchstaben unter anderem an den kreisförmigen Verdickungen, durch die die beiden Ekliptikringe mit ihrem jeweiligen Vertikalring verbunden sind. Es könnte sich um Markierungen handeln, die Bezug auf eine zum Instrument gehörende, heute nicht mehr vorhandene schriftliche Gebrauchsanweisung nehmen.

Sternzeiger (siehe Abb. 2): Es existieren Einzelzeiger mit einem Sternnamen, Einzelzeiger mit zwei Namen auf der Ober- und Unterseite und Doppelzeiger mit den Namen jeweils auf einer Seite. Die Zeiger sind definitiv falsch montiert. Beispielsweise steht der Frühlingsstern α Bootis direkt neben dem Herbststern α Piscis Austrini.

Die Benennung der Fixsterne auf den Einzelzeigern mit einem Eintrag sind folgende:
Arcturus (α Bootis), Oculus Tauri (α Tauri), Vultur volans (α Aquilae), Dextrum Caudae Urse M[ajo]ris (η Ursae Maioris), Canis Maior (α Canis Maioris) Canopus (α Carinae), Extremum Eridani (β Eridani) und Sinister pes orionis (β Orionis). Auf dem letzteren ist ein verschnörkeltes Symbol eingraviert, bei dem es sich möglicherweise um eine versteckte Signatur handelt.

Auf den Einzelzeigern, die auf der Ober- und Unterseite beschriftet sind:
Antares Scorpy und Sumitas Prioris Pedis Dext[r]i Centauri (α Scorpii und α Centauri).

Auf den Doppelzeigern:
Hircus (α Aurigae) und Hurs Dexterori[s] (unklar), Cauda Leonis (β Leonis) und Lucida Hydre (α Hydrae), Sinistrum Genu Sagittarii und Suffrago s[inist]ra[ ] prior Sagittarii (α Sagittarii, θ Sagittarii), Os piscis austrini und Caput Andromedae (α Piscis Austrini, α Andromedae), Castor und Antecanis (α Geminorum und β Canis Minoris),Cauda Oloris und Lyra (α Cygni und α Lyrae)

Kontext:
Die Armillarsphäre wird erstmals im Inventar von 1644 als „ein Meßing Sphärisch instrument uff einem holtzern fuß simonis de quercu“ erwähnt. „Simonis de Quercu“ ist der latinisierte Name für den Delfter Mathematikprofessor Simon du Chesne (gest. 1600). Du Chesne veröffentlichte im Jahr 1584 ein Traktat zur Quadratur des Kreises. Seinen später korrigierten Wert für das Verhältnis zwischen Kreisumfang und Kreisradius hat Reimarus Ursus in seinem Werk „Fundamentum astronomicum“ veröffentlicht. Ursus weilte 1586 in Kassel und pflegte mit Bürgi einen freundschaftlichen Austausch von mathematischen Forschungsergebnissen. Ob Ursus die Brücke zwischen du Chesne und dem Kasseler Hof darstellt, kann allerdings nur vermutet und nicht bewiesen werden. Interessant ist, daß du Chesne nicht nur als theoretischer Mathematiker Spuren hinterlassen hat, sondern auch als Instrumentenmacher. Am 12. September 1595 bekam er von den holländischen Generalstaaten ein Privileg zur Herstellung eines Instrumentes, mit dem die Längengrade auf See bestimmt werden können.
Ob die Armillarsphäre als Anschauungsinstrument oder als Meßinstrument genutzt wurde oder werden sollte, ist unklar. Für den Status eines Meßinstrumentes sprechen die Hängelote, die Aussparungen für ein Stativ im Holzsockel, die Vorrichtung zur Einnordung sowie die Bohrungen mit Gewinden im Ekliptikkreis. Welchen Nutzen das Instrument dann gehabt hat, ist leider nicht zu klären, da das aufzuschraubende Zubehör verloren ist.
Armillarsphären mit Vorrichtungen zur Darstellung von Präzession und Trepidation wurden selten hergestellt. Die meisten ihrer Art stammen aus der Hand von Gualterus Arsenius aus Louvain (1552–1580), einem Neffen des berühmten Astronomen Gemma Frisius.

(K. Gaulke, 2018)



Literatur:
  • Karsten Gaulke (Bearb.): Der Ptolemäus von Kassel. Landgraf Wilhelm IV. von Hessen-Kassel und die Astronomie. Kassel 2007, S. 202-203.


Letzte Aktualisierung: 15.04.2020


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