Mann mit Harnisch



Mann mit Harnisch


Inventar Nr.: GK 245
Bezeichnung: Mann mit Harnisch
Künstler / Hersteller: Willem Drost (1633 - 1659), Maler/in
Dargestellt: unbekannt, Dargestellt
Datierung: 1655
Objektgruppe: Gemälde
Geogr. Bezug:
Material / Technik: Öl
Maße: 116 x 94,5 cm (Bildmaß)
135 x 113 x 9,5 cm (Rahmenmaß)
Provenienz:erworben um 1755 durch Wilhelm VIII., zusammen mit der Rembrandt-Kopie "Der Bürgerfähnrich"
Beschriftungen: Signatur: Rechts unten reste der Signatur: ... / 165.


Katalogtext:
Landgraf Wilhelm VIII. erwarb das Gemälde um 1755 zusammen mit dem Fahnenträger (GK 251). Nach dem Katalog von 1783 waren beide Bilder in der Galerie auch als Pendants aufeinander bezogen.

Das Gemälde zeigt einen geharnischten Mann mittleren Alters in Dreiviertelansicht. Den Körper leicht nach rechts gedreht, hat er das Gesicht nach links gewendet und blickt nachdenklich und sorgenvoll seitlich zu Boden. Zwei senkrechte Falten über der Nasenwurzel schneiden in die helle Stirn unter dem gelockten dunklen Haar ein. Der von einem Vollbart umgebene Mund ist leicht geöffnet. Der Mann lehnt mit dem linken Arm auf einem Erdhügel und mit der rechten hält er einen hölzernen Schaft umfaßt, auf den er sich zusätzlich zu stützen scheint. Da das obere Ende des schräg hinter seinem Kopf herführenden Stabes vom Bildrand abgeschnitten wird, läßt sich die Art der Waffe – ob Lanze oder Hellebarde – nicht bestimmen. Das von links einfallende Licht reflektiert auf seiner Schulter sowie auf dem rechten Oberarm und hebt neben dem Gesicht nur noch die unbehandschuhten Hände hervor. Der dunkle Hintergrund ist nahzu undurchdringlich, nur am linken Bildrand sind Gebüsch oder Bäume zu erahnen und ein kleiner roter Farbfleck.

Während John Smith den Mann im Harnisch 1836 noch als ein „admirable picture“ beurteilt, spricht Wilhelm von Bode 1883 „von gleichgültigem, fast missmuthigem Ausdruck, von fetter und etwas handwerksmässiger breiter Behandlung bei einem trüben, einförmig grauen Ton der Färbung.“ Bereits dreizehn Jahre zuvor hatte er das Gemälde – für ihn aufgrund der für echt gehaltenen Signatur immer noch ein Original Rembrandts – abgewertet: „ […] ich vermag die fast allgemeine Bewunderung für dieses Bild nicht zu theilen, welches mir einen zu düstern und eintönigen Eindruck macht.“
Konkrete Vorschläge bezüglich einer Änderung der Zuschreibung kamen erst sehr viel später auf. 1923 brachte John C. van Dyke das Gemälde mit Barent Fabritius in Verbindung. In der Folge etablierte sich jedoch die 1924 vorgebrachte Meinung von Girtrud Falck, der Willem Drost als Maler des Bildes plausibel machen konnte.

Das ganz im Stile Rembrandts gehaltene Bild muß vor Drosts Reise nach Venedig 1655 in Amsterdam entstanden sein. Es zählt in der meisterhaften Anwendung einer reduzierten Farbpalette zu den hervorragenden Werken des Malers aus dieser Zeit. Im Malstil werden allerdings bereits venezianische Einflüsse vorweggenommen und auch die Figurenkomposition geht – wie Jonathan Bikker belegen konnte – auf venezianische Vorbilder zurück: Die Haltung des Dargestellten findet sich bei der Figur des Mars in Tintorettos Gemälde Minerva vertreibt Mars, 1577-1578 (Dogenpalast), das durch einen 1589 datierten Stich von Agostino Carracci Verbreitung fand. Schon Antoine-Michel Filhol und Joseph Lavallée urteilten 1814 (noch im Glauben an die Autorschaft Rembrandts): Aufgrund des Stiles der Rüstung und der Haltung des Kriegers könne man davon ausgehen, daß Rembrandt mit den venezianischen Malern wetteifern wolle. Das Gemälde beweise, daß auch mit einer weniger entschlossenen Zeichnung als die der Italiener, Rembrandt diesen in nichts nachstehe, was die Kraft, die Wahrheit der Farbe und die Einheitlichkeit des „clair-obscur“ angehe.

In der Darstellung eines geharnischten Mannes eine Komposition Rembrandts zu sehen, lag nicht fern. Die Vorliebe des Künstlers für metallische Accessoires und seine Meisterschaft in deren Wiedergabe schon in frühen Jahren war bekannt – in Kassel besaß man bereits einen Kopf mit Federhut und Halsberge (Verlust) sowie das Selbstbildnis mit Sturmhaube (GK 237). Auch auf der Blendung Simsons (Kriegsverlust) finden sich geharnischte Schergen. Als Einzelfiguren, in ihrer rätselhaften Aktionslosigkeit und von der Datierung her vergleichbarer sind der Mars in der City Art Gallery of Glasgow aus dem Jahr 1655 sowie die Athena, um 1655, im Museu Calouste Gulbenkian in Lissabon.

Von Wolfgang Stechow wurde 1928 erstmals darauf aufmerksam gemacht, daß die Rüstung, die der Mann im Harnisch trägt, bis beinahe in die kleinsten Details mit derjenigen des Schlafenden Mars (um 1625) von Ter Brugghen in Utrecht übereinstimmt (Centraal Museum). Es handelt sich hierbei um eine sogenannte „Pisaner Rüstung“, die vermutlich um 1580 in Mailand angefertigt wurde. Sie ist nicht nur auf mehreren Bildern ter Brugghens, sondern auch auf Gemälden von Jan Bijlert und Hendrik van Baburen zu erkennen. Während das reichverzierte und kostbare Stück also vermutlich über einen längeren Zeitraum (auch nach dem Tod ter Brugghens 1629) in Utrecht von Hand zu Hand ging, befand sich das Gemälde des Schlafenden Mars im 17. Jahrhundert in verschiedenen Sammlungen in Amsterdam. Hier könnte Drost es gesehen und sich die Anregungen für die Rüstung geholt haben. Abgesehen von der Tatsache, daß die Rüstung bei Drost mit weniger Verzierungen wiedergegeben ist, veranlaßt ein kleines Detail Jonathan Bikker jedoch zu der Annahme, daß Drost für die Rüstung keine bildliche Vorlage nutzte, sondern ein „eigenes“ echtes Exemplar in seiner Nähe hatte: Während bei den Utrechter Malern am Oberarm fünf ringförmige Glieder für Bewegungsfreiheit sorgen, sind es bei Drost nur drei.

Bereits im „Musée de France“ wußte man Anfang des 19. Jahrhunderts den Darstellungsinhalt nicht recht zu deuten. „Ist dies das Portrait eines Zeitgenossen von Rembrandt oder einfach nur ein Phantasiebild?“ fragen Filhol und Lavallée in ihrem bereits erwähnten Werk. Daß es sich bei dem markanten Gesicht um ein Portrait handelt, können wir heute ausschließen: Das gleiche Modell kehrt in drei weiteren Gemälden Drosts wieder, jeweils in anderer phantasievoller Tracht. In den Kasseler Galeriekatalogen führt das Bild ab 1888 neben seinem offiziellen Titel „Bildnis eines geharnischten Mannes“ die zusätzliche Bezeichnung „die Wache“. Auch in den Kopistenverzeichnissen bedient man sich ab dieser Zeit des einprägsamen Kürzels. Eine konkrete ikonographische Vorstellung scheint man damit aber nicht verbunden zu haben. Handelt es sich vielleicht – wie bei der Figur Hendick ter Brugghens – auch im Kasseler Bild um eine Darstellung des Kriegsgottes Mars? Diese Auffassung ist mehrfach vertreten worden, so unter anderem von Wolfgang Stechow und Werner Sumowski. Die äußerst prunkvolle aber nicht mehr zeitgemäße – das heißt die in gewissem Sinne „antike“ – Rüstung ließe sich mit einer solchen Identifizierung durchaus in Einklang bringen. Das Fehlen eines Helmes, von Bernhard Schnackenburg als Gegenargument angebracht, darf nicht überbewertet werden: auch in dem genannten Bild Tintorettos erscheint der Kriegsgott ohne einen solchen. Hier ist er allerdings durch die Handlung eindeutig kenntlich gemacht. Bernhard Schnackenburg weist im Gegenzug auf die Verbildlichungen der „Vier Lebensalter“ hin, in denen das reife Mannesalter gelegentlich als sinnend auf sein Leben zurückblickender Mann in Rüstung gegeben sein kann. In diesem Fall müßte man allerdings von drei zugehörigen Gemälden ausgehen, denn die vier Lebensalter sind nur in ihrem Gesamtkontext verständlich. Jonathan Bikker nimmt von derlei tieferen Interprationen der Darstellung grundsätzlich Abstand und sieht in der Figur des Geharnischten lediglich die Schilderung eines „characteristic type“. Hier ist allerdings noch einmal auf die Änderung hinzuweisen, die zwischen 1807 und 1815 in Paris vorgenommen wurde. Dadurch, daß ein ca. 7 cm breiter Streifen von der linken Bildkante an die rechte Seite versetzt wurde, rückte der geharnischte Mann weiter in die Bildmitte. Rekonstruiert man den ursprünglichen Zustand, so ist der linke Arm des Mannes angeschnitten und der Leerraum auf der anderen Seite vergrößert sich. Ein unkonventionelles Ungleichgewicht entsteht und dem Aspekt des Nachdenkens wird noch mehr Gewicht gegeben.
(J. Gierse, 2006)



Inventare:
  • Catalogue des Tablaux. Kassel 1749, S. 75, Nr. 835.
Literatur:
  • Causid, Simon: Verzeichnis der Hochfürstlich-Heßischen Gemälde-Sammlung in Cassel. Kassel 1783, S. 10, Kat.Nr. 31.
  • Robert, Ernst Friedrich Ferdinand: Versuch eines Verzeichnisses der kurfürstlich hessischen Gemälde-Sammlung. Kassel 1819, S. 53, Kat.Nr. 324.
  • Robert, Ernst Friedrich Ferdinand: Verzeichniß der Kurfürstlichen Gemählde-Sammlung. Cassel 1830, S. 60, Kat.Nr. 370.
  • Auszug aus dem Verzeichnisse der Kurfürstlichen Gemälde-Sammlung. Kassel 1845, S. 39, Kat.Nr. 370.
  • Bode, Wilhelm; Hofstede de Groot, C. (mitwirkend): Rembrandt. Beschreibendes Verzeichniss seiner Gemälde mit den Heliographischen Nachbildungen. Geschichte seines Lebens und seiner Kunst. Paris 1897-1901, S. 162-163 (Bd. 6), Kat.Nr. 464.
  • Hofstede de Groot, C.; Plietzsch, Eduard (mitwirkend); Lilienfeld, Karl (mitwirkend): Beschreibendes und kritisches Verzeichnis der Werke der hervorragendsten Holländischen Maler des XVII. Jahrhunderts. Esslingen/Paris 1907-1928, S. 137 (Bd. 6, 1915), Kat.Nr. 264.
  • Gronau, Georg: Katalog der Königlichen Gemäldegalerie zu Cassel. Berlin 1913, S. 53, Kat.Nr. 245.
  • Stechow, Wolfgang: Zu zwei Bildern der Hendrick Terbrugghen. In: Oud Holland 45 (1928), S. 277-281, S. 281 Anm. 4.
  • Gronau, Georg; Luthmer, Kurt: Katalog der Staatlichen Gemäldegalerie zu Kassel. 2. Aufl. Berlin 1929, S. 63, Kat.Nr. 245.
  • Hofstede de Groot, Corn.: Rembrandt of W. Drost?. In: Oud Holland 46 (1929), S. 33-39, S. 38.
  • Voigt, Franz: Die Gemäldegalerie Kassel. Führer durch die Kasseler Galerie. Kassel 1938, S. 23, Kat.Nr. 245.
  • Vogel, Hans: Katalog der Staatlichen Gemäldegalerie zu Kassel. Kassel 1958, S. 123, Kat.Nr. 245.
  • Schnackenburg, Bernhard: Gemäldegalerie Alte Meister Gesamtkatalog. Staatliche Museen Kassel. 2 Bde. Mainz 1996, S. 106-107.
  • Savoy, Bénédicte: Patrimoine annexé: Les biens culturels saisis par la France en Allemagne autour de 1800. Paris 2003, S. 244, Kat.Nr. 542.
  • Bikker, Jonathan: Willem Drost (1633-1659). A Rembrandt Pupil in Amsterdam and Venice. New Haven / London 2005, S. 86-89, Kat.Nr. 15.
  • Weber, Gregor J. M. u. a.: Rembrandt-Bilder. Die historische Sammlung der Kasseler Gemäldegalerie. Ausstellungskatalog Staatliche Museen Kassel. München 2006, S. 228-233, Kat.Nr. 33.
  • Riether, Achim: Lehrer Rembrandt - Lehrer Sumowski. Kunstverein Aalen Ausstellung 6.10.-8.12.2019. Berlin [u.a.] 2019, S. 92f.


Letzte Aktualisierung: 11.11.2020


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