Apollon (?)



Apollon (?)


Inventar Nr.: Sk 84
Bezeichnung: Apollon (?)
Künstler / Hersteller: unbekannt
Datierung: 120-140 n. Chr. / hadrianisch
Objektgruppe: Skulptur
Geogr. Bezug:
Material / Technik: Cremefarbener, mittelkristalliner Marmor
Maße: 26 cm (Höhe)
Kinn bis Scheitel 23 cm (Höhe)
Provenienz:1777 erworben von Landgraf Friedrich II. in Rom bei Gavin Hamilton (?)


Katalogtext:
Der etwa lebensgroße Kopf neigte sich ursprünglich stark nach links zur Schulter hin und legte sich leicht in den Nacken. Das breite, etwas ovale Gesicht hat eine niedrige, stark gerundete Stirn mit giebelförmigem Haaransatz, volle Wangen und ein ehemals schweres Kinn. Die schmalen mandelförmigen Augen stehen etwas schräg. Die vortretenden Brauen verschwimmen mit den knappen Orbitalen, die sich besonders außen leicht vorwölben. Eine schmale Rille trennt sie von den Oberlidern, die dachartig über den Augäpfeln vorspringen und wie die betonten Unterlider scharf abgekantet sind. Die nach unten weisenden Tränenkanäle sind detailliert ausgearbeitet, Pupillenbohrungen sind hingegen nicht vorhanden. Der kleine Mund weist eine breite Lippenspalte mit Punktbohrungen in den Winkeln auf. Unter dem glatten weichen Inkarnat tritt das Knochengerüst des Gesichtes nicht hervor.

Das Haar ist von einem Mittelscheitel aus zur Seite gestrichen und als Kranz zum Nacken geführt. Dort ist es mit dem flach zurückgekämmten Haar vom Oberkopf zu einer voluminösen Schlaufe aufgenommen, aus der sich rechts zwei lang herabfallende Lockenstränge lösen. Links legte sich ein Lockenstrang anscheinend waagerecht über die Schulter. Vor den vom Haar halb bedeckten Ohren löst sich je eine kurze Locke aus der Frisur. Über der Stirn laufen rechts und links einige Strähnen aus dem Haarkranz im Bogen nach oben. Sie waren ursprünglich über dem Scheitel zu einer Schleife gebunden, deren linke Hälfte noch im Ansatz erhalten ist. Tiefe, teilweise nicht sehr schmale Bohrkanäle reißen die Haarmasse auf und gliedern sie in breite, lebhaft fließende Wellen, die durch flachere Rillen in Strähnen unterteilt sind. Auf dem Oberkopf war die Haargliederung ursprünglich wohl flacher ausgeführt.

Es ist nicht mit Sicherheit festzustellen, ob der Idealkopf mit seinen unbestimmten Zügen ein männliches oder ein weibliches Wesen wiedergibt (Bieber 1915). Seine Frisur ist charakteristisch für Abbilder der Aphrodite/Venus im Kapitolinischen Typus, der in hellenistischer Zeit entstanden ist. Sie wird jedoch bereits vom 2. Jh. v. Chr. an auch mit Darstellungen des Apollon verbunden (Paribeni 1959).

Eine enge Parallele findet die Frisur des Kasseler Stückes in der eines Kopfes in Malibu, der als Apollon gedeutet wird (Vermeule – Neuerburg 1973). Sein Gesicht zeigt ebenfalls weiche, eher unbestimmte Züge. Er wird mit einem Typus des Apollon Kitharödus in Verbindung gebracht, der nach einem Exemplar aus Kyrene benannt ist (Bieber 1955, Lambrinudakis 1984). Eine römische Variante aus grünem Basalt in Neapel (Bieber 1955; Simon 1984, 383 Nr. 61 i) weist eine ähnliche Frisur und Kopfhaltung auf wie das Kasseler Stück, obwohl sich ihr Kopf eher nach vorne neigt.

Der Typus Kyrene des Apollon Kitharödus ist späthellenistischen Ursprungs und greift auf das Konzept des spätklassischen Apollon Lykeios zurück (Bieber 1955, Lambrinudakis 1984). Der Typus des Apollon Lykeios zeigt eine vergleichbare Kopfhaltung wie das Kasseler Stück. Er hat aber eine andere Frisur, obwohl seine hellenistischen Varianten auch eine vergleichbare Haarschleife über dem Scheitel aufweisen können, die auf Aphroditefrisuren zurückgeht (Simon 1975; Lambrinudakis LIMC 1984, 193 f. Nr. 39x).

Ein ähnlicher Kopf wie der Kasseler begegnet uns außerdem bei dem späthellenistischen Apollon Delphinios von Milet, der auf Münzbildern, in einer Bronzestatue in Valencia, sowie in einer Kasseler Bronzestatuette überliefert ist (Berger 1962; Thomas 1983; Lambrinudakis 1984, 197 Nr. 66–66a). Unter den bislang bekannten Münzbildern und plastischen Wiedergaben ist die Frisur nach dem Vorbild der Kapitolinischen Aphrodite jedoch nicht belegt.

Der rechte Unterarm der drei genannten Apollontypen ist jeweils lässig über ihren Kopf gelegt. Auf dem Kasseler Kopf sind aber keine antiken Ansatzspuren eines Armes mehr feststellbar. Die Vergleichsbeispiele nähren in Verbindung mit der breiten Anlage des Gesichtes die Vermutung, dass der Kasseler Kopf eher Apollon als Aphrodite wiedergibt. Es ist aber nicht möglich, ihn einem der greifbaren Typen sicher zuzuweisen. Es handelt sich also wohl um eine eklektische Schöpfung einer römischen Bildhauerwerkstatt, die sich tradierter Bildmuster hauptsächlich hellenistischen Ursprungs bedient (Bieber 1915).

Die Verbindung weiblicher und männlicher Formelemente ist vom 4. Jh. v. Chr. an zu beobachten, gilt aber besonders in späthellenistischer Zeit als reizvoll (Zanker 1974; Lambrinudakis 1984, 193 f. zu Nr. 39). Dabei erhält vor allem der jugendlich-schöne Gott Apollon häufig ein weiches, effeminiertes Erscheinungsbild (Smith 1991), sodass die Köpfe seiner Statuen oft auch als weiblich angesprochen werden können (Paribeni 1959, Simon 1975).

Die Gliederung des Haars durch tief gebohrte Kanäle ohne Zwischenstege sowie die Gestaltung der Augenpartie mit ihren dachartig vorspringenden, scharf abgekanteten Lidern sprechen für eine Entstehung des Kasseler Kopfes in hadrianischer Zeit. Die Haarwiedergabe begegnet in Porträts der Kaiserin Sabina (Fittschen – Zanker 1983) sowie in den Kopien der Erechtheionkoren aus der Villa Hadrians in Tivoli, deren Augen ebenfalls vergleichbar sind (Schmidt 1973, Raeder 1983). Parallelen zeigen sich auch in weiteren Beispielen der hadrianischen Idealplastik (Scholl 1995, Andreae 1995). Die Augenform, die an Werke des 5. Jhs. v. Chr. erinnert (Bieber 1915), ist in hadrianisch-antoninischer Zeit sehr beliebt (Fuchs 1992).

Der Kasseler Kopf ist nachantik für die Verbindung mit einem nicht zugehörigen, motivisch aber nicht völlig unpassenden antiken Torso hergerichtet worden. Dabei orientierte sich der ergänzende Bildhauer wohl an einer damals bereits bekannten Statue des Apollon Kitharödus im Lykeios-Motiv. Das Verfahren, das Kenntnisse von antiker Kunst verrät, entspricht wie die Ausführung der Ergänzungen der Restaurierungspraxis des 18. Jhs. Es ist noch bei weiteren Skulpturen der Kasseler Antikensammlung zu beobachten, die Landgraf Friedrich II. 1777 auf seiner Italienreise erworben hat.

(Zimmermann-Elseify 2007)



Literatur:
  • Bieber, Margarete: Die antiken Skulpturen und Bronzen des Königlichen Museum Fridericianum in Cassel. Marburg 1915, Kat.Nr. 47.
  • Savoy, Bénédicte: Patrimoine annexé: Les biens culturels saisis par la France en Allemagne autour de 1800. Paris 2003, S. 8, Kat.Nr. 2b.
  • Gercke, Peter; Zimmermann-Elseify, Nina: Antike Skulpturen und Neuzeitliche Nachbildungen in Kassel. Bestandskatalog. Mainz 2007, S. 148-150, Kat.Nr. 42.


Letzte Aktualisierung: 13.08.2020


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