|<<     1 / 2     >>|

Die Gefangennahme Christi



Die Gefangennahme Christi


Inventar Nr.: GK 598
Bezeichnung: Die Gefangennahme Christi
Künstler / Hersteller: Giuseppe Cesari (1568 - 1640), Maler/in
Datierung: 1590er Jahre
Objektgruppe: Gemälde
Geogr. Bezug:
Material / Technik: Öl
Maße: 88,5 x 62 cm (Bildmaß)
Provenienz:erworben 1750 mit dem Kabinett des Valerius Röver, Delft, durch Wilhelm VIII.


Katalogtext:
Bei der Darstellung der Gefangennahme Christi hatten Künstler seit jeher die Anforderung, eine Nachtszene darzustellen. Die Grundlage bildeten die Erzählungen der Evangelisten. Cesari, einer der führenden und einflussreichsten Maler Roms vor der Ankunft Caravaggios zeigt die Szene in das fahle Licht des Mondes getaucht, wodurch die Farben einen kühlen, fast metallischen Klang erhalten. Charakteristisch für die Kunst des späten 16. Jahrhunderts ist einerseits das Bemühen um eine realistisch anmutende einheitliche Lichtsituation, andererseits die Integration verschiedener Lichtquellen im Bild. So erkennt man neben dem Mond und einigen Sternen als weitere Lichtquelle links einen Soldaten mit brennender Fackel, einen Jungen mit Kerze rechts sowie, leicht aus dem Bildzentrum gerückt, Christus, dessen Haupt von einer strahlenden Gloriole umgeben ist. All diese Lichtquellen beleuchten das Werk auf ihre Weise.

Wolfgang Schöne unterschied zwischen vier unterschiedlichen „Leuchtlicht-Arten“: „natürliches“ (Sonne, Mond, Tageslicht), „künstliches“ (Kerze, Fackel oder Feuer), „sakrales“ (Glorie, Heiligenschein) und „indifferentes“ Leuchtlicht (eine Lichtquelle, die sich den drei vorherigen nicht eindeutig zuordnen lässt).
Cesaris „Gefangennahme Christi“ ist hierfür ein anschauliches Beispiel, vereint das Gemälde doch all diese Leuchtlicht-Arten. Zunächst möchte man meinen, dass alle Figuren ihr Licht von dem am Himmel rechts strahlenden Mond erhalten, doch tritt gerade bei der Figurengruppe von Petrus und Malchus im Vordergrund eine weitere Lichtquelle hinzu, die eher von oben links zu kommen scheint, wie die Schlagschatten am Boden anzeigen. Soll damit die Brennende Fackel links gemeint sein, die einer der Soldaten trägt? Oder sendet Christus dem zukünftigen Apostelfürsten etwas von seinem Licht?

Die Komposition besteht aus gegenläufigen Bewegungsrichtungen, die in sich in der Figur Christi kreuzen. Vom Mond über die Soldaten rechts und der Kopfwendung Christi wird der Blick auf den davoneilenden nackten Jüngling links geleitet, von dem es im Markusevangelium heißt: „Ein junger Mann aber, der nur mit einem leinenen Tuch bekleidet war, wollte ihm nachgehen. Da packten sie ihn, er ließ aber das Tuch fallen und lief nackt davon.“ (Markus, 14, 51-52). Von den Soldaten links wiederum führt über den ausgestreckten Arm Christi eine Bewegungslinie zu Petrus, der gerade Malchus, dem Diener des Hohenpriesters, ein Ohr abschlägt, worauf Jesus ihm befielt: „Steck das Schwert in die Scheide!“ (Joh., 18, 10). Christus wird so zum Dreh- und Angelpunkt der Szene.

Die unterschiedlichen Lichtquellen unterstützten das sich diagonal kreuzende Geflecht der Bewegungen und verdeutlichen Cesaris ausgeklügelte Komposition, die das Kasseler Gemälde zu einem seiner Hauptwerke macht. Eine eigenhändige, kleinere Fassung in Rom (Galleria Borghese) sowie zahlreiche Kopien belegen den Erfolg des Werkes. Röttgen vermutete in dem Kasseler Bild die Mitarbeit von Bernardino Cesari, der häufig bei seinem Bruder mitarbeitete.
(J. Lange, 2011)


Literatur:
  • Hoet, Gerard: Catalogus of Naamlyst van Schilderyen, mit derzelver Pryzen. Zedert een langen Reeks van Jaaren zoo in Holland als op andere Plaatzen in het Openbaar verkogt. Den Haag 1752, 1770, Kat.Nr. 12, S. 353 (Bd. 1).
  • Causid, Simon: Verzeichnis der Hochfürstlich-Heßischen Gemälde-Sammlung in Cassel. Kassel 1783, Kat.Nr. 92, S. 63.
  • Robert, Ernst Friedrich Ferdinand: Versuch eines Verzeichnisses der Kurfürstlich Hessischen Gemählde-Sammlung. Cassel 1819, Kat.Nr. 102, S. 20.
  • Robert, Ernst Friedrich Ferdinand: Verzeichniß der Kurfürstlichen Gemählde-Sammlung. Cassel 1830, Kat.Nr. 127, S. 25.
  • Parthey, Gustav: Deutscher Bildersaal. Verzeichnis der in Deutschland vorhandenen Ölbilder verstorbener Maler aller Schulen. Berlin 1863/64, Kat.Nr. 2, S. 276 (Bd. 1).
  • Aubel, L.; Eisenmann, Oscar: Verzeichniß der in der Neuen Gemälde-Galerie zu Cassel befindlichen Bilder. 2. Aufl. Kassel 1878, Kat.Nr. 127, S. 14.
  • Eisenmann, Oscar: Katalog der Königlichen Gemälde-Galerie zu Cassel. Nachtrag von C. A. von Drach. Kassel 1888, Kat.Nr. 559, S. XLV Anm. 46), 342-343.
  • Voss, Hermann: Kritische Bemerkungen zu Seicentisten in den römischen Galerien. In: Repertorium für Kunstwissenschaften 33 (1910), S. 212-221, Kat.Nr. 356, S. 218.
  • Moes, E. W.: Het Kunstkabinet van Valerius Röver te Delft. In: Oud Holland 30 (1913), S. 4-24, Kat.Nr. 91, S. 22.
  • Voss, Hermann: Die Malerei der Spätrenaissance in Rom und Florenz. Berlin 1920, S. 594 (Bd. 2).
  • Luthmer, Kurt: Staatliche Gemäldegalerie zu Kassel. Kurzes Verzeichnis der Gemälde. 34. Aufl. Kassel 1934, Kat.Nr. 598, S. 46.
  • Voigt, Franz: Die Gemäldegalerie Kassel. Führer durch die Kasseler Galerie. Kassel 1938, Kat.Nr. 598, S. 72.
  • Vogel, Hans: Katalog der Staatlichen Gemäldegalerie zu Kassel. Kassel 1958, Kat.Nr. 598, S. 43.
  • Pergola, Paola della: Galleria Borghese. I Dipinti. 2 Bde. Rom 1959, S. 63-64 (unter Nr. 91).
  • Lehmann, Jürgen M.: Staatliche Kunstsammlungen Kassel. Katalog 1. Italienische, französische und spanische Gemälde des 16.-18. Jahrhunderts. Fridingen 1980, S. 99.
  • Lehmann, Jürgen Michael: Italienische, französische und spanische Meister in der Kasseler Gemäldegalerie. Sonderdruck für die Staatlichen Kunstsammlungen Kassel. Melsungen 1986, S. 24.
  • Beisheim, Johannes; Ketelsen, Thomas: Bibelbilder (mit Erläuterungen zu Werken der Kasseler Gemäldegalerie Alte Meister von T. Ketelsen). Kassel 1992, Kat.Nr. 25.
  • Schnackenburg, Bernhard: Gemäldegalerie Alte Meister Gesamtkatalog. Staatliche Museen Kassel. 2 Bde. Mainz 1996, S. 81.
  • Lange, Justus u.a.: Lichtgefüge. Das Licht im Zeitalter von Rembrandt und Vermeer. Petersberg 2011, Kat.Nr. 3, S. 32.
  • Rehm, Stefanie: Die Rekonstruktion eines spektakulären Ankaufs im Jahr 1750. Landgraf Wilhelm VIII. und die Sammlung Röver aus Delft. In: Museumslandschaft Hessen Kassel. Jahrbuch 2016 (2018), S. 216-225.


Letzte Aktualisierung: 26.11.2018


Wissenschaftliche Kommentare:

Hier können Sie uns Anmerkungen und Kommentare zu unseren Objekten hinterlassen, die nach Sichtung durch unsere Mitarbeiter allen Lesern angezeigt werden. Bitte beachten Sie, dass die Kommentare nach Freischaltung vollständig öffentlich einsehbar sind und auch von Suchmaschinen durchsucht und verarbeitet werden können - geben Sie daher bitte keine persönlichen Daten an. Möchten Sie uns direkt kontaktieren, wenden Sie sich bitte per E-Mail an info@museum-kassel.de

Bisher wurden keine Kommentare geschrieben.

Einen neuen Kommentar hinzufügen.




© Museumslandschaft Hessen Kassel 2018
Datenschutzhinweis | Impressum